Die 6 wichtigsten Entnahmestrategien einfach erklärt

Inhaltsverzeichnis
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Das Wichtigste auf einen Blick

Vorwort

Wer sein Depot im Ruhestand nutzen möchte, steht vor einer zentralen Frage: Wie kann ich Vermögen so entsparen, dass der Lebensstandard möglichst stabil bleibt, das Geld möglichst lange reicht und ich trotzdem nicht unnötig viel Vermögen ungenutzt lasse?

Genau darum geht es bei der Wahl der richtigen Entnahmestrategie. Bevor einzelne Strategien verglichen werden, sollten zuerst die wichtigsten Risiken der Entnahmephase verstanden werden.

Die Risiken beim Entsparen eines Depots

Renditereihenfolgerisiko

Risiko, dass es zu Beginn der Entnahmephase zu einem starken Wertverlust des Depots kommt, während gleichzeitig laufende Entnahmen erfolgen, die im Verhältnis zum gesunkenen Depotwert eine besonders hohe Belastung darstellen.

Illustration Sequence of Returns Risk

Inflationsrisiko

Risiko, dass die Lebenshaltungskosten steigen, die Kaufkraft der Entnahmen sinkt und dadurch höhere nominale Entnahmen notwendig werden können, um denselben Lebensstandard zu halten.

Langlebigkeitsrisiko

Risiko, dass die Entnahmephase länger dauert als geplant, weil man älter wird als erwartet und das Vermögen daher über einen längeren Zeitraum reichen muss.

Illustration Lebenserwartung

Pleiterisiko

Risiko, dass das Vermögen vor dem Lebensende verbraucht ist und die geplanten Entnahmen nicht mehr finanziert werden können.

Lebensstandardrisiko

Risiko, dass der gewünschte Lebensstandard vorübergehend oder dauerhaft nicht gehalten werden kann, weil Entnahmen reduziert oder trotz gestiegener Lebenshaltungskosten nicht ausreichend angepasst werden.

Opportunitätsrisiko

Risiko, dass Lebensqualität ungenutzt bleibt und daher am Lebensende ein unnötig hohes Restvermögen vorhanden ist, da man aus Vorsicht weniger entnommen hat, als finanziell möglich gewesen wäre.

Das Spannungsfeld der Entnahmphase

Beim Entsparen eines Depots gibt es keine Entnahmestrategie, die alle Ziele gleichzeitig optimal erfüllt. Jede Strategie bewegt sich im Spannungsfeld von drei zentralen Kriterien: Entnahmehöhe, Entnahmestabilität und Vermögenserhalt.

  • Entnahmehöhe: Wie viel Geld kann regelmäßig aus dem Depot entnommen werden?
  • Entnahmestabilität: Wie planbar sind die Entnahmen über den gesamten Ruhestand?
  • Vermögenserhalt: Wie stark wird die Substanz des Depots geschont oder verbraucht?

Diese drei Ziele stehen häufig in einem Zielkonflikt. Wer eine möglichst hohe Entnahme anstrebt, erhöht tendenziell die Belastung des Depots. Wer möglichst stabile Entnahmen möchte, nimmt in schwachen Marktphasen unter Umständen ein höheres Pleiterisiko in Kauf. Und wer den Vermögenserhalt in den Vordergrund stellt, muss meist niedrigere oder stärker schwankende Entnahmen akzeptieren.

Genau deshalb gibt es nicht die eine beste Entnahmestrategie. Die passende Entnahmestrategie hängt davon ab, welches Ziel für die eigene Ruhestandsplanung am wichtigsten ist: möglichst hohe Entnahmen, möglichst planbare Entnahmen oder ein möglichst hoher Vermögenserhalt.

Die 6 wichtigsten Entnahmestrategien

Einfache Entnahmestrategien

Ausschüttungen Absolute Entnahme Prozentuale Entnahme
Beschreibung Es werden nur Ausschüttungen wie Dividenden, Kupons oder Zinsen entnommen Festlegung eines festen Entnahmebetrags

optional kann der Entnahmebetrag jährlich an die Inflation angepasst werden
Festlegung einer festen prozentualen Entnahmerate des jeweils aktuellen Portfoliowerts
Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn ohne Inflationsanpassung Summe der erhaltenen Ausschüttungen festgelegter Entnahmebetrag aktueller Portfoliowert * Entnahmerate
Rechenbeispiel ohne Inflationsanpassung Portfoliostartwert: 500.000€

Ausschüttungsrendite: 2%

Ausschüttung Jahr 1: 10.000€
Ausschüttung Jahr 2: 8.000€
(nach 20% Kursverlust)
Ausschüttung Jahr 3: 8.800€
(nach 10% Kursgewinn)
Portfoliostartwert: 500.000€

Startentnahmebetrag: 15.000€

Entnahme Jahr 1: 15.000€
Entnahme Jahr 2: 15.000€
Entnahme Jahr 3: 15.000€
Portfoliostartwert: 500.000€

Entnahmerate: 5%

Entnahme Jahr 1: 25.000€
Entnahme Jahr 2: 19.000€
(nach 20% Kursverlust)
Entnahme Jahr 3: 19.855€
(nach 10% Kursgewinn)
Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn mit Inflationsanpassung entfällt Vorjahresentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate) entfällt
Rechenbeispiel mit Inflationsanpassung entfällt Portfoliostartwert: 500.000€

Startentnahmebetrag: 15.000€

Inflation: 2%

Entnahme Jahr 1: 15.000€
Entnahme Jahr 2: 15.300€
Entnahme Jahr 3: 15.606€
entfällt
Anpassung des Entnahmebetrags an Marktentwicklung ja, indirekt durch Ausschüttungen nein ja
Jährliche Neuberechnung des Entnahmebetrags ja, durch tatsächliche Ausschüttungen nein, ohne Inflationsanpassung
ja, bei Inflationsanpassung
ja
Entnahmehöhe schwankend (unbegrenzt) konstant schwankend (unbegrenzt)
Restvermögen tendenziell hoch null bis hoch gering bis hoch
Priorisiertes Ziel höchstmöglicher Substanzerhalt konstanter Entnahmebetrag Senkung des Pleite- und Opportunitätsrisikos
Risiken Lebensstandardrisiko (durch schwankende Ausschüttungen)

Opportunitätsrisiko (durch Beschränkung auf Ausschüttungen)
Pleiterisiko (bei zu hohem Entnahmebetrag)

Lebensstandardrisiko (ohne Inflationsanpassung des Entnahmebetrags)

Opportunitätsrisiko (bei zu geringem Entnahmebetrag)
Pleiterisiko (bei zu hoher Entnahmerate)

Lebensstandardrisiko (durch schwankenden Entnahmebetrag)

Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Entnahmerate)
Personenkreis Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen)

Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig

unbegrenzt schwankende Ausschüttungen akzeptabel

einfache Entnahmestrategie gewünscht

Substanzerhalt bzw. Vererbbarkeit hat Priorität
Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen)

Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig

planbarer Entnahmebetrag wichtig

einfache Entnahmestrategie gewünscht

vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig
Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen)

Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig

unbegrenzt schwankender Entnahmebetrag akzeptabel

einfache Entnahmestrategie gewünscht

vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig

Komplexe Entnahmestrategien

Annuitätische Entnahme Absolute Entnahme mit Leitplanken (Guardrail-Methode) Prozentuale Entnahme mit Ober- und Untergrenze (Floor-and-Ceiling-Methode)
Beschreibung Berechnung des Entnahmebetrags auf Basis des jährlichen Portfoliowertes, der durchschnittlichen Renditeerwartung (r) und Restlaufzeit (T) der geplanten Entnahmephase

optional kann eine Obergrenze definiert werden, um die Schwankungen des Entnahmebetrags zu reduzieren
Festlegung eines Startentnahmebetrags mit prozentualen Leitplanken bezogen auf den jeweils aktuellen Portfoliowert

optional kann in Jahren mit positiver Rendite der Vorjahresentnahmebetrag an die Inflation angepasst werden
Festlegung einer festen prozentualen Entnahmerate des jeweils aktuellen Portfoliowerts sowie einer Ober- und Untergrenze in Euro

optional können Ober- und Untergrenze auf Basis des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags jährlich angepasst werden
Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn ohne Inflationsanpassung aktueller Portfoliowert * (((1 + r)^(T − 1) * r) / ((1 + r)^T − 1)) Schritt 1: (Vorjahresentnahmebetrag / aktueller Portfoliowert) * 100

Schritt 2: Vergleich mit den Leitplanken

Schritt 3: wenn Ergebnis größer als obere Leitplanke, dann Kürzung des Vorjahresentnahmebetrags um 10%, wenn kleiner als untere Leitplanke, dann Erhöhung des Vorjahresentnahmebetrags um 10%.
Schritt 1: aktueller Portfoliowert * Entnahmerate

Schritt 2: Vergleich mit Ober- und Untergrenze

Schritt 3: ggf. Begrenzung des neuen Entnahmebetrags
Rechenbeispiel ohne Inflationsanpassung Portfoliostartwert: 500.000€

Renditeerwartung: 5% p.a.

Entnahmephase: 30 Jahre

Entnahme Jahr 1: 30.976€
Entnahme Jahr 2: 23.601€
(nach 20% Kursverlust)
Entnahme Jahr 3: 24.725€
(nach 10% Kursgewinn)
Portfoliostartwert: 500.000€

Startentnahmerate: 5%

Startentnahmebetrag: 25.000€

obere Leitplanke (+20% der Startentnahmerate): 6%

untere Leitplanke (-20% der Startentnahmerate): 4%

Entnahme Jahr 1: 25.000€
Entnahme Jahr 2: 22.500€
(nach 20% Kursverlust)
Entnahme Jahr 3: 22.500€
(nach 10% Kursgewinn)
Portfoliostartwert: 500.000€

Entnahmerate: 5%

Startentnahmebetrag: 25.000€

Obergrenze (+20% des Startentnahmebetrags): 30.000€

Untergrenze (-20% des Startentnahmebetrags): 20.000€

Entnahme Jahr 1: 25.000€
Entnahme Jahr 2: 20.000€
(nach 20% Kursverlust)
Entnahme Jahr 3: 20.000€
(nach 10% Kursgewinn)
Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn mit Inflationsanpassung entfällt Schritt 1: (Vorjahresentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate) / aktueller Portfoliowert) * 100, wenn im Vorjahr eine positive Rendite erzielt wurde

Schritt 2: Vergleich mit den Leitplanken

Schritt 3: wenn Wert größer als obere Leitplanke, dann Kürzung des inflationsangepassten Vorjahresentnahmebetrags um 10%, wenn kleiner als untere Leitplanke, dann Erhöhung des inflationsangepassten Vorjahresentnahmebetrags um 10%.
Schritt 1: Startentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate)

Schritt 2: Neuberechnung der Ober- und Untergrenze

Schritt 3: aktueller Portfoliowert * Entnahmerate

Schritt 4: Vergleich mit neuer Ober- und Untergrenze

Schritt 5: ggf. Begrenzung des neuen Entnahmebetrags
Rechenbeispiel mit Inflationsanpassung entfällt Portfoliostartwert: 500.000€

Startentnahmerate: 5%

Startentnahmebetrag: 25.000€

obere Leitplanke (+20% der Startentnahmerate): 6%

untere Leitplanke (-20% der Startentnahmerate): 4%

Inflation: 2%

Entnahme Jahr 1: 25.000€
Entnahme Jahr 2: 22.500€
(nach 20% Kursrückgang)
Entnahme Jahr 3: 22.950€
(nach 10% Kursanstieg)
Portfoliostartwert: 500.000€

Entnahmerate: 5%

Startentnahmebetrag: 25.000€

Obergrenze: +20% des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags

Untergrenze: -20% des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags

Inflation: 2%

Entnahme Jahr 1: 25.000€
Entnahme Jahr 2: 20.400€
(nach 20% Kursrückgang)
Entnahme Jahr 3: 20.808€
(nach 10% Kursanstieg)
Anpassung des Entnahmebetrags an Marktentwicklung ja ja ja
Jährliche Neuberechnung des Entnahmebetrags ja ja ja
Entnahmehöhe schwankend (optional nach oben begrenzt) konstant (Anpassung nur bei Auslösen der Leitplanken) schwankend (innerhalb der Euro-Grenzen)
Restvermögen null bis gering (geplant) gering bis hoch gering bis hoch
Priorisiertes Ziel planmäßiger Kapitalverzehr Senkung des Pleite- und Opportunitätsrisikos Senkung des Pleite- und Lebensstandardrisikos
Risiken Pleiterisiko (bei unzutreffenden Annahmen)

Lebensstandardrisiko (durch schwankenden Entnahmebetrag)

Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Obergrenze)
Pleiterisiko (bei zu hohem Startentnahmebetrag und/oder zu hohen Leitplanken)

Lebensstandardrisiko (durch mögliche Kürzungen und/oder ausbleibende Inflationsanpassung des Entnahmebetrags)

Opportunitätsrisiko (bei zu geringem Startentnahmebetrag und/oder zu niedrigen Leitplanken)
Pleiterisiko (bei zu hoher Entnahmerate und/oder zu hohen Euro-Grenzen)

Lebensstandardrisiko (bei zu niedriger Untergrenze und/oder fehlende Inflationsanpassung des Entnahmebetrags)

Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Entnahmerate und/oder zu niedrigen Euro-Grenzen)
Personenkreis Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle

schwankender Entnahmebetrag akzeptabel

weitgehender Kapitalverzehr hat Priorität
Basisversorgung (teilweise) vorhanden (Renten, Mieteinnahmen)

Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle

flexibler Entnahmebetrag durch Anpassungsregeln akzeptabel

vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig
Basisversorgung (teilweise) vorhanden (Renten, Mieteinnahmen)

Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle

schwankender Entnahmebetrag innerhalb der Euro-Grenzen akzeptabel

vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig
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Fazit

Ein Depot richtig zu entsparen bedeutet nicht einfach, jedes Jahr einen beliebigen Betrag zu entnehmen. Die Entnahmephase ist eine eigene Planungsaufgabe mit spezifischen Risiken: Renditereihenfolgerisiko, Inflationsrisiko, Langlebigkeitsrisiko, Pleiterisiko, Lebensstandardrisiko und Opportunitätsrisiko.

Die Wahl der passenden Entnahmestrategie sollte deshalb immer vom persönlichen Ziel abhängen.

Wer möglichst einfache Regeln will, bevorzugt Ausschüttungsstrategie, absolute Entnahme oder prozentuale Entnahme. Wer einen planmäßigen Kapitalverzehr anstrebt, kann die annuitätische Entnahme prüfen. Wer Risiken gezielter steuern möchte, nutzt Leitplanken oder Ober- und Untergrenzen.

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