Das Wichtigste auf einen Blick
- Beim Entsparen eines Depots geht es nicht nur um die Frage, wie viel entnommen wird, sondern auch darum, wie stabil die Entnahmen sind und wie lange das Vermögen reichen soll
- Die wichtigsten Risiken in der Entnahmephase sind Renditereihenfolgerisiko, Inflationsrisiko, Langlebigkeitsrisiko, Pleiterisiko, Lebensstandardrisiko und Opportunitätsrisiko
- Jede Entnahmestrategie bewegt sich im Spannungsfeld von Entnahmehöhe, Entnahmestabilität und Vermögenserhalt
Vorwort
Wer sein Depot im Ruhestand nutzen möchte, steht vor einer zentralen Frage: Wie kann ich Vermögen so entsparen, dass der Lebensstandard möglichst stabil bleibt, das Geld möglichst lange reicht und ich trotzdem nicht unnötig viel Vermögen ungenutzt lasse?
Genau darum geht es bei der Wahl der richtigen Entnahmestrategie. Bevor einzelne Strategien verglichen werden, sollten zuerst die wichtigsten Risiken der Entnahmephase verstanden werden.
Die Risiken beim Entsparen eines Depots
Renditereihenfolgerisiko
Risiko, dass es zu Beginn der Entnahmephase zu einem starken Wertverlust des Depots kommt, während gleichzeitig laufende Entnahmen erfolgen, die im Verhältnis zum gesunkenen Depotwert eine besonders hohe Belastung darstellen.
Inflationsrisiko
Risiko, dass die Lebenshaltungskosten steigen, die Kaufkraft der Entnahmen sinkt und dadurch höhere nominale Entnahmen notwendig werden können, um denselben Lebensstandard zu halten.
Langlebigkeitsrisiko
Risiko, dass die Entnahmephase länger dauert als geplant, weil man älter wird als erwartet und das Vermögen daher über einen längeren Zeitraum reichen muss.
Pleiterisiko
Risiko, dass das Vermögen vor dem Lebensende verbraucht ist und die geplanten Entnahmen nicht mehr finanziert werden können.
Lebensstandardrisiko
Risiko, dass der gewünschte Lebensstandard vorübergehend oder dauerhaft nicht gehalten werden kann, weil Entnahmen reduziert oder trotz gestiegener Lebenshaltungskosten nicht ausreichend angepasst werden.
Opportunitätsrisiko
Risiko, dass Lebensqualität ungenutzt bleibt und daher am Lebensende ein unnötig hohes Restvermögen vorhanden ist, da man aus Vorsicht weniger entnommen hat, als finanziell möglich gewesen wäre.
Das Spannungsfeld der Entnahmphase
Beim Entsparen eines Depots gibt es keine Entnahmestrategie, die alle Ziele gleichzeitig optimal erfüllt. Jede Strategie bewegt sich im Spannungsfeld von drei zentralen Kriterien: Entnahmehöhe, Entnahmestabilität und Vermögenserhalt.
- Entnahmehöhe: Wie viel Geld kann regelmäßig aus dem Depot entnommen werden?
- Entnahmestabilität: Wie planbar sind die Entnahmen über den gesamten Ruhestand?
- Vermögenserhalt: Wie stark wird die Substanz des Depots geschont oder verbraucht?
Diese drei Ziele stehen häufig in einem Zielkonflikt. Wer eine möglichst hohe Entnahme anstrebt, erhöht tendenziell die Belastung des Depots. Wer möglichst stabile Entnahmen möchte, nimmt in schwachen Marktphasen unter Umständen ein höheres Pleiterisiko in Kauf. Und wer den Vermögenserhalt in den Vordergrund stellt, muss meist niedrigere oder stärker schwankende Entnahmen akzeptieren.
Genau deshalb gibt es nicht die eine beste Entnahmestrategie. Die passende Entnahmestrategie hängt davon ab, welches Ziel für die eigene Ruhestandsplanung am wichtigsten ist: möglichst hohe Entnahmen, möglichst planbare Entnahmen oder ein möglichst hoher Vermögenserhalt.
Die 6 wichtigsten Entnahmestrategien
Einfache Entnahmestrategien
| Ausschüttungen | Absolute Entnahme | Prozentuale Entnahme | |
|---|---|---|---|
| Beschreibung | Es werden nur Ausschüttungen wie Dividenden, Kupons oder Zinsen entnommen |
Festlegung eines festen Entnahmebetrags
optional kann der Entnahmebetrag jährlich an die Inflation angepasst werden |
Festlegung einer festen prozentualen Entnahmerate des jeweils aktuellen Portfoliowerts |
| Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn ohne Inflationsanpassung | Summe der erhaltenen Ausschüttungen | festgelegter Entnahmebetrag | aktueller Portfoliowert * Entnahmerate |
| Rechenbeispiel ohne Inflationsanpassung |
Portfoliostartwert: 500.000€ Ausschüttungsrendite: 2% Ausschüttung Jahr 1: 10.000€ Ausschüttung Jahr 2: 8.000€ (nach 20% Kursverlust) Ausschüttung Jahr 3: 8.800€ (nach 10% Kursgewinn) |
Portfoliostartwert: 500.000€ Startentnahmebetrag: 15.000€ Entnahme Jahr 1: 15.000€ Entnahme Jahr 2: 15.000€ Entnahme Jahr 3: 15.000€ |
Portfoliostartwert: 500.000€ Entnahmerate: 5% Entnahme Jahr 1: 25.000€ Entnahme Jahr 2: 19.000€ (nach 20% Kursverlust) Entnahme Jahr 3: 19.855€ (nach 10% Kursgewinn) |
| Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn mit Inflationsanpassung | entfällt | Vorjahresentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate) | entfällt |
| Rechenbeispiel mit Inflationsanpassung | entfällt |
Portfoliostartwert: 500.000€ Startentnahmebetrag: 15.000€ Inflation: 2% Entnahme Jahr 1: 15.000€ Entnahme Jahr 2: 15.300€ Entnahme Jahr 3: 15.606€ |
entfällt |
| Anpassung des Entnahmebetrags an Marktentwicklung | ja, indirekt durch Ausschüttungen | nein | ja |
| Jährliche Neuberechnung des Entnahmebetrags | ja, durch tatsächliche Ausschüttungen |
nein, ohne Inflationsanpassung ja, bei Inflationsanpassung |
ja |
| Entnahmehöhe | schwankend (unbegrenzt) | konstant | schwankend (unbegrenzt) |
| Restvermögen | tendenziell hoch | null bis hoch | gering bis hoch |
| Priorisiertes Ziel | höchstmöglicher Substanzerhalt | konstanter Entnahmebetrag | Senkung des Pleite- und Opportunitätsrisikos |
| Risiken |
Lebensstandardrisiko (durch schwankende Ausschüttungen) Opportunitätsrisiko (durch Beschränkung auf Ausschüttungen) |
Pleiterisiko (bei zu hohem Entnahmebetrag) Lebensstandardrisiko (ohne Inflationsanpassung des Entnahmebetrags) Opportunitätsrisiko (bei zu geringem Entnahmebetrag) |
Pleiterisiko (bei zu hoher Entnahmerate) Lebensstandardrisiko (durch schwankenden Entnahmebetrag) Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Entnahmerate) |
| Personenkreis |
Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen) Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig unbegrenzt schwankende Ausschüttungen akzeptabel einfache Entnahmestrategie gewünscht Substanzerhalt bzw. Vererbbarkeit hat Priorität |
Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen) Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig planbarer Entnahmebetrag wichtig einfache Entnahmestrategie gewünscht vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig |
Basisversorgung vorhanden (Renten, Mieteinnahmen) Depotentnahmen sind nur als Ergänzung nötig unbegrenzt schwankender Entnahmebetrag akzeptabel einfache Entnahmestrategie gewünscht vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig |
Komplexe Entnahmestrategien
| Annuitätische Entnahme | Absolute Entnahme mit Leitplanken (Guardrail-Methode) | Prozentuale Entnahme mit Ober- und Untergrenze (Floor-and-Ceiling-Methode) | |
|---|---|---|---|
| Beschreibung |
Berechnung des Entnahmebetrags
auf Basis des jährlichen Portfoliowertes, der durchschnittlichen
Renditeerwartung (r) und Restlaufzeit (T)
der geplanten Entnahmephase optional kann eine Obergrenze definiert werden, um die Schwankungen des Entnahmebetrags zu reduzieren |
Festlegung eines Startentnahmebetrags mit prozentualen Leitplanken bezogen auf den jeweils aktuellen Portfoliowert optional kann in Jahren mit positiver Rendite der Vorjahresentnahmebetrag an die Inflation angepasst werden |
Festlegung einer festen prozentualen Entnahmerate des jeweils aktuellen Portfoliowerts sowie einer Ober- und Untergrenze in Euro optional können Ober- und Untergrenze auf Basis des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags jährlich angepasst werden |
| Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn ohne Inflationsanpassung | aktueller Portfoliowert * (((1 + r)^(T − 1) * r) / ((1 + r)^T − 1)) |
Schritt 1: (Vorjahresentnahmebetrag / aktueller Portfoliowert) * 100 Schritt 2: Vergleich mit den Leitplanken Schritt 3: wenn Ergebnis größer als obere Leitplanke, dann Kürzung des Vorjahresentnahmebetrags um 10%, wenn kleiner als untere Leitplanke, dann Erhöhung des Vorjahresentnahmebetrags um 10%. |
Schritt 1: aktueller Portfoliowert * Entnahmerate Schritt 2: Vergleich mit Ober- und Untergrenze Schritt 3: ggf. Begrenzung des neuen Entnahmebetrags |
| Rechenbeispiel ohne Inflationsanpassung |
Portfoliostartwert: 500.000€ Renditeerwartung: 5% p.a. Entnahmephase: 30 Jahre Entnahme Jahr 1: 30.976€ Entnahme Jahr 2: 23.601€ (nach 20% Kursverlust) Entnahme Jahr 3: 24.725€ (nach 10% Kursgewinn) |
Portfoliostartwert: 500.000€ Startentnahmerate: 5% Startentnahmebetrag: 25.000€ obere Leitplanke (+20% der Startentnahmerate): 6% untere Leitplanke (-20% der Startentnahmerate): 4% Entnahme Jahr 1: 25.000€ Entnahme Jahr 2: 22.500€ (nach 20% Kursverlust) Entnahme Jahr 3: 22.500€ (nach 10% Kursgewinn) |
Portfoliostartwert: 500.000€ Entnahmerate: 5% Startentnahmebetrag: 25.000€ Obergrenze (+20% des Startentnahmebetrags): 30.000€ Untergrenze (-20% des Startentnahmebetrags): 20.000€ Entnahme Jahr 1: 25.000€ Entnahme Jahr 2: 20.000€ (nach 20% Kursverlust) Entnahme Jahr 3: 20.000€ (nach 10% Kursgewinn) |
| Berechnung des Entnahmebetrags zum Jahresbeginn mit Inflationsanpassung | entfällt |
Schritt 1: (Vorjahresentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate) / aktueller Portfoliowert) * 100, wenn im Vorjahr eine positive Rendite erzielt wurde Schritt 2: Vergleich mit den Leitplanken Schritt 3: wenn Wert größer als obere Leitplanke, dann Kürzung des inflationsangepassten Vorjahresentnahmebetrags um 10%, wenn kleiner als untere Leitplanke, dann Erhöhung des inflationsangepassten Vorjahresentnahmebetrags um 10%. |
Schritt 1: Startentnahmebetrag * (1 + Inflationsrate) Schritt 2: Neuberechnung der Ober- und Untergrenze Schritt 3: aktueller Portfoliowert * Entnahmerate Schritt 4: Vergleich mit neuer Ober- und Untergrenze Schritt 5: ggf. Begrenzung des neuen Entnahmebetrags |
| Rechenbeispiel mit Inflationsanpassung | entfällt |
Portfoliostartwert: 500.000€ Startentnahmerate: 5% Startentnahmebetrag: 25.000€ obere Leitplanke (+20% der Startentnahmerate): 6% untere Leitplanke (-20% der Startentnahmerate): 4% Inflation: 2% Entnahme Jahr 1: 25.000€ Entnahme Jahr 2: 22.500€ (nach 20% Kursrückgang) Entnahme Jahr 3: 22.950€ (nach 10% Kursanstieg) |
Portfoliostartwert: 500.000€ Entnahmerate: 5% Startentnahmebetrag: 25.000€ Obergrenze: +20% des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags Untergrenze: -20% des inflationsbereinigten Startentnahmebetrags Inflation: 2% Entnahme Jahr 1: 25.000€ Entnahme Jahr 2: 20.400€ (nach 20% Kursrückgang) Entnahme Jahr 3: 20.808€ (nach 10% Kursanstieg) |
| Anpassung des Entnahmebetrags an Marktentwicklung | ja | ja | ja |
| Jährliche Neuberechnung des Entnahmebetrags | ja | ja | ja |
| Entnahmehöhe | schwankend (optional nach oben begrenzt) | konstant (Anpassung nur bei Auslösen der Leitplanken) | schwankend (innerhalb der Euro-Grenzen) |
| Restvermögen | null bis gering (geplant) | gering bis hoch | gering bis hoch |
| Priorisiertes Ziel | planmäßiger Kapitalverzehr | Senkung des Pleite- und Opportunitätsrisikos | Senkung des Pleite- und Lebensstandardrisikos |
| Risiken |
Pleiterisiko (bei unzutreffenden Annahmen) Lebensstandardrisiko (durch schwankenden Entnahmebetrag) Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Obergrenze) |
Pleiterisiko (bei zu hohem Startentnahmebetrag und/oder zu hohen Leitplanken) Lebensstandardrisiko (durch mögliche Kürzungen und/oder ausbleibende Inflationsanpassung des Entnahmebetrags) Opportunitätsrisiko (bei zu geringem Startentnahmebetrag und/oder zu niedrigen Leitplanken) |
Pleiterisiko (bei zu hoher Entnahmerate und/oder zu hohen Euro-Grenzen) Lebensstandardrisiko (bei zu niedriger Untergrenze und/oder fehlende Inflationsanpassung des Entnahmebetrags) Opportunitätsrisiko (bei zu geringer Entnahmerate und/oder zu niedrigen Euro-Grenzen) |
| Personenkreis |
Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle schwankender Entnahmebetrag akzeptabel weitgehender Kapitalverzehr hat Priorität |
Basisversorgung (teilweise) vorhanden (Renten, Mieteinnahmen) Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle flexibler Entnahmebetrag durch Anpassungsregeln akzeptabel vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig |
Basisversorgung (teilweise) vorhanden (Renten, Mieteinnahmen) Depotentnahmen sind wichtige Einkommensquelle schwankender Entnahmebetrag innerhalb der Euro-Grenzen akzeptabel vollständiger Kapitalverzehr nicht zwingend notwendig |
Fazit
Ein Depot richtig zu entsparen bedeutet nicht einfach, jedes Jahr einen beliebigen Betrag zu entnehmen. Die Entnahmephase ist eine eigene Planungsaufgabe mit spezifischen Risiken: Renditereihenfolgerisiko, Inflationsrisiko, Langlebigkeitsrisiko, Pleiterisiko, Lebensstandardrisiko und Opportunitätsrisiko.
Die Wahl der passenden Entnahmestrategie sollte deshalb immer vom persönlichen Ziel abhängen.
Wer möglichst einfache Regeln will, bevorzugt Ausschüttungsstrategie, absolute Entnahme oder prozentuale Entnahme. Wer einen planmäßigen Kapitalverzehr anstrebt, kann die annuitätische Entnahme prüfen. Wer Risiken gezielter steuern möchte, nutzt Leitplanken oder Ober- und Untergrenzen.






